Ben liebt Anna

Textproben

 

6. BILD - HEIMWEG

Anna:

Hey!

Ben:

Hey! Wie geht's?

Anna:

Na ja.

Ben:

Wieso?

Anna:

Was?

Ben:

Na ja, wieso?

Anna:

Gut.

Ben:

Echt?

Anna:

Ja.

Ben:

Und sonst?

Anna:

Na ja.

Ben:

Klingt begeistert.

Anna:

Wieso?

Ben:

Weiß auch nicht.

Anna:

Wie findest du ihn?

Ben:

Wen?

Anna:

Na, hast du nicht gelesen?

Ben:

Was gelesen?

Anna:

Du weißt schon.

Ben:

Was weiß ich?

Anna:

Den Brief.

Ben:

Den Brief...ach so.

Anna:

Ja und?

Ben:

Was, ja und?

Anna:

Wie du ihn findest!

Ben:

Ja...

Anna:

Was ja?

Ben:

Na ja, hm, ganz gut.

Anna:

Nur ganz gut? Nicht so richtig gut?

Ben:

Doch.

Anna:

Ach Ben, jetzt sag doch mal!

Ben:

Was denn?

Anna:

Ich hab dich gefragt, wie du den Brief findest.

Ben:

Ich sag ja, ich find ihn gut.

Anna:

Und warum?

Ben:

Weiß nicht.

Anna:

Man, bist du bescheuert!

Ben:

Bin ich eben.

Anna:

Was findest du denn gut?

Ben:

Na ja, was du geschrieben hast.

Anna:

Sag es doch mal genauer!

Ben:

(leise) Ich dich auch.

Anna:

Was sagst du?

Ben:

(schreit) Ich dich auch.

Anna:

Du meinst...

Ben:

Weißt du doch schon.

Anna:

Wirklich?

Ben:

Und du?

Anna:

Was?

Ben:

Was schon!? Weißt du's nicht mehr?

Anna:

Vielleicht.

Ben:

Oh, Mann...

Anna:

Erst bist du dran.

Ben:

Ich mag dich.

Anna:

Oh!

Ben:

Und du?

Anna:

Ich?

Ben:

Du sollst es auch sagen.

Anna:

Wieso?

Ben:

Na ja, weil...

Anna:

Ich mag dich auch.

Großes Schweigen.

Ben:

Wo wohnst du eigentlich?

Anna:

Na, in dieser Notunterkunft, hinter dem Stadtpark. Aber nicht mehr lange. Papa hat einen Antrag gestellt. Und bald arbeitet er wieder.

Ben:

Arbeitet dein Vater denn gar nicht?

Anna:

Er kriegt keine Arbeit, weil wir aus Polen kommen.

Ben:

Total bescheuert von den Leuten.

Anna:

Von welchen Leuten?

Ben:

Die deinem Vater keine Arbeit geben.

Anna:

Papa sagt immer, mit uns kann man machen, was man will.

Ben:

Das tut mir leid.

Anna:

(nach einer Weile) Wollen wir am Sonntag zusammen was unternehmen?

Ben:

Okay.

Anna:

Prima! Du kannst ja bei uns essen. In Polen ist das so.

Ben:

Aber wir sind nicht in Polen.

Anna:

(kichert) So ein Quatsch!

Ben:

Da muss ich aber erst zu Hause fragen.

Anna:

Mach mal.

Ben:

Also dann, wir seh'n uns ja noch in der Schule. Tschüß.

Anna:

Tschüß.

Ben rennt weg. Anna guckt ihm hinterher.

SONG ANNA: BEN KOMMT BESTIMMT NICHT

Ben wohnt bestimmt in einer Villa mit Eisentor und Swimmingpool mit Blumenbeeten, gelb und lila und goldverziertem Liegestuhl. Sein Zimmer voll mit Kuscheltieren Computerspiele noch und noch Wie soll ich ihm da imponieren mit unserem Zwei-Zimmer-Loch. Ben kommt bestimmt nicht, ist doch klar, dass das ein großer Fehler war Da, wo ich wohne, ist nur Dreck Und wenn er kommt, schick ich ihn weg Ben wohnt bestimmt in einer Straße, wo lauter alte Bäume steh'n Und teuer Autos, total Klasse, die gibt's bei uns ja nie zu seh'n Denn unser Haus steht in 'ner Gegend Das ist die mieseste der Stadt Und daran wird sich erst was ändern, wenn Papa endlich Arbeit hat Ben kommt bestimmt nicht, ist doch klar, dass das ein großer Fehler war. Da, wo ich wohne, ist nur Dreck. Und wenn er kommt, schick' ich ihn weg.

 

10. BILD - KLASSENZIMMER

Katja steht ungeduldig an der Tür und wartet auf Regine.

Katja:

Mann, da bist du ja endlich!

Regine:

'Ne alte Frau ist doch kein D-Zug.

Katja:

Beeil dich, sonst werde ich nie fertig, bis der Seibmann kommt. Sowieso Schwachsinn, am letzten Schultag noch Hausaufgaben aufzugeben.

Regine:

Wann machst du eigentlich deine Hausaufgaben mal wieder selber?

Katja:

Keine Zeit, weißte doch.

Regine:

Du bleibst dieses Jahr bestimmt sitzen.

Katja:

Nerv mich nicht!

Regine:

Na, da wird sich dein Vater ja richtig freuen. Was hat er denn zu deiner Mathearbeit gesagt?

Katja:

Hat er noch gar nicht gesehen.

Regine:

Spinnst du?! Das kriegt der doch raus! In deiner Haut möchte ich ja nicht stecken:

Jens:

(kommt) Wer möchte nicht in wem stecken?

Regine:

Iiiih, bist du eklig!

Bernhard:

Nicht immer, aber immer öfter.

Katja:

Halt' doch die Klappe! Ich muss mich konzentrieren.

Bernhard:

Sag' mal, Katja, warum machst du neuerdings nie deine Hausaufgaben?

Regine:

Bei Katja zu Hause...

Katja:

Ein Wort und ich bring dich um!

Ben:

Hat jemand die Hausaufgaben?

Bernhard:

Die Anna hält dich wohl ganz schön auf Trab, was?

Ben:

Quatsch! (setzt sich neben Katja und fängt an zu schreiben)

Bernhard:

Haste endlich ihren Brief beantwortet?

Regine:

Och, erzähl doch mal. Was schreibt sie denn?

Ben:

Lass mich in Ruhe! Sonst werde ich nicht fertig.

Regine:

Sag doch mal. Ich habe noch nie einen Liebesbrief gelesen.

Bernhard:

Geliebter Ben...ich mag es...wenn...wenn du in der Nase bohrst...

Jens:

(kommt) Was ist denn hier...

Katja + Regine:

Pschscht!

Jens:

(in Dichterpositur auf dem Lehrerpult)...wenn du möchtest...darfst du....darfst du auch in meiner Nase bohren...

In der Tür steht Anna. Sie trägt zum ersten Mal Jeans, Pullover und Turnschuhe. Die letzten Worte hat sie mitbekommen.

Anna:

Hallo Ben.

Ben:

Hi (er schaut nicht auf und schreibt schnell weiter).

Katja:

Ich glaube, ich spinne, das ist mein Pullover!

Regine:

Waaas?!

Katja:

(geht zu Anna) Wo hast du den her?

Anna:

Ich weiß nicht...

Katja:

Zieh den sofort aus!

Regine:

Deine Mutter hat den bestimmt in die Altkleidersammlung gegeben...

Katja:

Na und, ist trotzdem meiner!

Bernhard:

Find ich ja komisch, dass deine Mutter dich nicht fragt.

Jens:

Wer weiß, woher sie die anderen Sachen hat? Mich kribbelt's schon wieder so komisch...

Bernhard:

Soweit kommt's noch. Erst verdreht sie Ben den Kopf und jetzt kommt sie mit geklauten Sachen in die Schule.

Katja:

Genau! Ben hat sie schon völlig verrückt gemacht. Der hat ja nicht mal mehr Zeit für seine Hausaufgaben.

Jens:

Anna liebt den Ben eben, weiß doch jeder!

Bernhard schreibt „Anna liebt Ben“ an die Tafel.

SONG KLASSE: ANNA LIEBT BEN

Klasse:

Anna liebt Ben das wissen doch schon alle Anna liebt Ben Liebe auf den ersten Blick Anna liebt Ben doch das ist 'ne böse Falle sich auf so was einzulassen bringt ja keinem Glück

Katja:

So wie die aussieht so kann man doch nicht ausseh'n Klamotten aus der Tonne voll eklig und voll out Mit so was, wie die anhat, würd' ich nicht aus dem Haus geh'n Wetten, dass sie die am Sonntag auf dem Flohmarkt klaut

Klasse:

Anna liebt Ben das wissen doch schon alle Anna liebt Ben Liebe auf den ersten Blick Anna liebt Ben doch das ist 'ne böse Falle denn das ganze ist doch nur ein hundsgemeiner Trick

Bernhard:

Kaum ist sie da greift sie sich den Nächstbesten macht ihm schöne Augen und der Arme kippt gleich um Schreibt ihm Liebesbriefe ja, die braucht 'n Freund im Westen denn sonst kehrt die ganze Sippschaft gleich nach Polen um Ist doch wahr!

Katja:

Und jetzt zieh' den Pullover aus, sonst passiert was!

Anna:

(zieht den Pullover aus und wirft ihn Katja vor die Füße) Da!

Katja:

Ihh, der stinkt! Jetzt kannst 'n auch behalten.

Anna:

Ich will deinen blöden Pullover überhaupt nicht!

Bernhard:

Was will sie denn?

Jens:

Maoam! Maoam!

Katja:

Quatsch nicht so blöd! Sie will Ben gefallen, das ist alles.

Klingel.

Keiner bemerkt, dass Lehrer Seibmann jetzt in der Tür steht. Alle rennen auf ihre Plätze. Seibmann geht zum Pult. Er sieht den Satz an der Tafel.

Seibmann:

Wem haben wir denn diesen bedeutenden Satz zu verdanken?
Ah, der Künstler steht also nicht zu seinem Werk?
Schade.
Anna, wenn du möchtest, kannst du ihn wegwischen.

Anna bleibt auf ihrem Platz sitzen und rührt sich nicht. Ben steht auf, nimmt den Schwamm, geht zur Tafel, überlegt und schreibt „Ben liebt Anna“ darunter. Es ist mucksmäuschenstill geworden. Langsam geht Ben auf seinen Platz zurück, er sieht niemanden an.

 
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