Auf der Kippe

Vorwort

 

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© Jörg Metzner

Vorbemerkung

„Auf der Kippe“ hat sich in einem zehnwöchigen Probenprozess aus einer Reihe von Improvisationen und dramaturgischen Gesprächen entwickelt, die zwischen den Schauspielern Eva Blum und Herman Vinck und den Beobachtern Matthias Witting, Reinhard Schmidt und Katarina Eckold stattfanden. Die Produktionsgruppe ist aufgrund dieser Arbeitsweise für Idee, Dramaturgie und Inszenierung gemeinsam verantwortlich.

Die Uraufführung ging nach einigen Probebesuchen von gehörlosen und hörenden Kindern und Erwachsenen am 1.10.1999 als Produktion des GRIPS Theaters Berlin über die Bühne der Schiller-Werkstatt Berlin.

Ort der Handlung

Das Stück spielt auf der Kippe, einem Müllplatz mitten oder am Rand der Stadt, der durch einen hohen Bretterzaun und einen verlassenen Schuppen von der Umgebung abgegrenzt ist.

Vermutlich hat jemand vor Jahren das Gelände gekauft, um einen Neubau darauf zu errichten, sich aber seitdem nicht mehr darum gekümmert. „Betreten verboten“ steht auf einem Schild am Zaun, und so dient der Platz den Leuten draußen nur noch dazu, irgendwelchen Müll über den Zaun zu schmeißen.

Hierher hat sich der alte Mann von der Außenwelt zurückgezogen, um an seinem Kunstwerk zu arbeiten: einer Klangmaschine aus Schrott und Altmetall.

Am Schuppen sammelt er die Teile, die er gebrauchen kann, im Schuppen bearbeitet er sie mit Flex, Schweißgerät u.ä., um sie auf einem Platz vor dem Schuppen, den er sich freigemacht hat, zu seinem Kunstwerk zusammenzusetzen. Was er nicht gebrauchen kann, hat er auf der anderen Seite des Platzes in Plastiksäcken und leeren Tonnen aufgestapelt.

An einer losen Latte des Zauns bleibt das zufällig vorbei schlendernde Mädchen mit ihrem bunt beklebten Holzspazierstock hängen. Ihre Neugier treibt sie hinein, und es kommt zur Begegnung zweier Menschen auf der Kippe.

Gebärden und Sprache

Ein gehörloses Mädchen, das neugierig die Welt entdeckt, trifft auf einen alten Mann, der von der Welt nichts mehr wissen will, ein Mädchen, das kommunizieren will, aber nicht hören kann, ein Mann, der hören kann, aber nicht kommunizieren will.

Aus dieser Figurenkonstellation ergab sich das Ziel, ein Stück zu machen, das für gehörlose wie hörende Zuschauer gleichermaßen spannend ist.

Voraussetzung war, dass die Darstellerin des Mädchens (Eva Blum) Grundkenntnisse der Gebärdensprache erlernte. Bei der Entwicklung der Geschichte spielten sichtbare Zeichen für die Missverständnisse, Konflikte und Lösungen im Verhältnis der beiden Figuren eine vorrangige Rolle. Hierbei fiel der Konstruktion der Klangmaschine die zentrale dramaturgische Bedeutung zu.

Die Maschine

Am Anfang des Stücks steht ein eher rätselhaftes stählernes Skelett aus zusammengeschweißten Schrottteilen auf der Bühne, sozusagen das Chassis des Kunstwerks. Der alte Mann baut im Verlauf der Geschichte immer neue sich bewegende und Klänge erzeugende Teile, die er aus dem Schrott geholt hat, an. Mit jedem neuen Teil verändert sich das Verhältnis der beiden Figuren vom „Hände weg von der Maschine“ bis zum Hand in Hand arbeiten. Nachdem die Klangmaschine eigentlich vollendet ist, stürzt sie um, und aus der handbetriebenen Antriebsachse, die alle anderen Teile in klingende Bewegung verstzte, macht das Mädchen mithilfe eines Fahrradhinterteils die Vorderachse eines mobilen „Kunstwerks“, mit dem sie den alten Mann am Ende des Stücks in die Welt fährt.

Zwei Gummispinnen

Sind die ständigen Begleiter des Mädchens, gleichzeitig Spielkameraden und Kommunikationspartner. Sie sind ihre Geheimwaffen gegen den Alten, der offensichtlich eine panische Angst vor Spinnen hat. Solange er das Mädchen abwehrt und ignoriert, sind sie die einzigen, denen sie gebärden kann, was sie bewegt und interessiert. Natürlich müssen sie auch die Launen des Mädchens ertragen, weshalb sie schon etwas ramponiert aussehen.

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© Jörg Metzner

 
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